Eine Gegendarstellung oder: Warum ich den Feminismus nicht verrate, wenn ich Rezepte blogge

Kleinkind Junior Patschehand spielt an Tastatur. Mama-Blog Patschehand.de
Bunt, politisch oder unpolitisch, schön inszeniert oder eben auch nicht: Die Mama-Blogger-Landschaft ist immer wieder ein Aufreger. Und beliebter Aufhänger fürs Mom-Bashing ...

 

Vor einigen Wochen löste ein Artikel auf der fabelhaften Website EDITION F einigen Wirbel aus. Die derzeit schwangere Autorin erläutert darin, dass sie einen überwältigenden Großteil von Mama-Blogs vor allem eines findet: Voll daneben. Wertlos. By the way: Fraunezeitschriften attestiert sie ebenfalls die Wertlosigkeit.

 

Nun darf jede*r seine Meinung haben. Und die natürlich auch äußern. Doch so wütend wie sich die Autorin an einigen Stellen zeigt, werde ich wiederum beim Lesen ihrer Zeilen. Hier nun also meine Gegendarstellung mitsamt meiner kühnen Behauptung: Ich verrate den Feminismus nicht, nur weil ich mal ein Rezept blogge (übrigens tun das auch die Mamas nicht, die sich wagen häufiger Rezepte oder Café-Schnapschüsse zu posten ...).

 

Über Banalität  im Mama-Alltag

 

"Die meisten Mamablogs sind so wertvoll wie Frauenzeitschriften: gar nicht. Ich bin wütend auf diese Oberflächlichkeit und Banalität, diese Frauenbilder aus den 50er-Jahren, diese Bloggerinnen, die das Vorurteil beweisen zu scheinen, dass Frauen an den Herd gehören und den ganzen Tag Kaffee trinken gehen. Und es zeigt: Nicht allein Männer sind Schuld daran, dass es mit der Gleichberechtigung noch nicht weit gekommen ist, auch 2018 nicht."

 

Das ist er. Der Absatz der meinen zugebenermaßen recht schnell steigenden Puls enorm beschleunigt. Er stammt aus dem Artikel "Raus aus der Flauschzone – warum mich Mamablogs nerven". Und fasst recht gut den gesamten Beitrag zusammen. 

 

Nun gebe ich zu: Beim Lesen der ersten Sätze des Artikels dachte ich daran, wie genervt ich selbst ab und an durch meinen Insta-Feed oder das Netz scrolle, wische, surfe (Wie wohl 90 Prozent aller Mamas stets am Smartphone. Denn Zeit für entspannte Runden am Laptop ist ja eher Mangelware für Mamas).

 

Banalität oder Oberflächlichkeit? Klar, die gibt es definitiv. Ja, auch bei Mama-Blogs, auf Instagram-Accounts von #instamamis oder all den anderen Plattformen die das Netz noch so hergibt.

 

Mal ganz abgesehen davon, dass sich dieses vernichtende, indifferenzierte und am Ende leider oberflächliche Gesamturteil nicht mit meinem Eindruck der Mama-Blogger-Szene deckt, frage ich mal ganz provokant: Was ist denn schlimm daran? Inhalte die sich weder durch besondere Tiefgründigkeit noch hochgestochene Abhandlungen zu Thema XYZ auszeichnen, exisitieren nicht erst seit es Mamas gibt, die bloggen bzw. auf andere Weise sichtbar im World Wide Web sind.

 

Soll heißen: Es scheint ja Menschen zu geben, die sich für diese Inhalte interessieren. Wie mir scheint sogar ziemlich viele. Etliche Mamas aus meinem Umfeld erzählten mir, dass sie nach einem langen Tag einfach zu erschöpft sind für all die Dinge, welche die Konzentrationsfähigkeit oder Aufmerksamkeitsspanne einer ausgeschlafenen (und damit aller Wahrscheinlichkeit nach derzeit nicht mit Baby oder Kleinkind gesegneten) Frau verlangen.

 

Liebevoll in Szene gesetzte Fotos mit ansprechenden Texten, Produktempfehlungen, Einrichtungsideen oder schmackhaft klingende Rezepte sind dann einfach eine Form der Entspannung. Die eine Mama schlendert gern durch Galerien. Die Andere halt durch ihren Insta-Feed. Wer bin ich denn, um zu beurteilen was davon nun besser ist? Und wer entscheidet über die Banalität und Oberflächlichkeit eines Blogs, einer Zeitschrift oder eines Social-Media-Accounts? Jeder Mensch, jede Frau und jede Mama empfindet etwas anderes als wertvoll und inspirierend. Bereichernd ist nicht nur der eigene Standpunkt.

 

Grafik zum Pinnen oder Teilen zu meiner Gegendarstellung rund um vermeintlich nervige Instamamis und Mama-Blogs.
Dir gefällt mein Appell gegen Mom-Bashing und für mehr Mama-Solidarität? Dann pinne oder teile ihn doch ;)

Jetzt ist Mutti wieder schuld ...

 

Stellt ein Rezept-Post den Verrat am Feminismus dar? Ist es ein freiwillig gewählter Rückschritt in die 50er-Jahre, wenn ich einen Kaffee trinken gehe? Und bin ich am Ende gar selbst Schuld an der Benachteiligung, die Frauen und Müttern in unserer Gesellschaft widerfährt, weil ich gern in einer aufgeräumten Wohnung lebe und Tipps dazu gebe? (Hinweis am Rande: Ich lebe gern in einer aufgeräumten Wohnung. Erreiche diesen Zustand nur irgendwie ... selten.)

 

Die Antwort auf alle drei Fragen kann nur eine sein: NEIN! Und zwar ein entschiedendes. Selbst wenn ich mich auf die simple Argumentation einlassen würde, dass kochende und darüber in irgendeiner Art und Weise berichtende Frauen sich doch bitte nicht wundern sollen, wenn Männer nun denken sie würden gern Leben wie in den 50-ern, passt da was nicht.

 

Natürlich lasse ich an diesem Punkt nicht unerwähnt, dass diese Argumentation Symptom und Ursache verwechselt. Wer etwas gegen Café-Mama-Blogerinnen hat, der sollte sich dann doch viel mehr fragen warum es denn so viele Blogger-Mamis gibt. 

 

Hat das vielleicht etwas mit fehlender Vereinbarkeit, stur-verkrusteten Arbeitsstätten und tradierten Rollenzuschreibungen, die sich durch alle Gesellschaftsschichten ziehen, zu tun?  Oder um es kurz zu machen: Sind diese Frauen nicht ebenso als Opfer unserer diskriminierenden Gesellschaft  zu sehen?

 

Meine Meinung dazu ist die Folgende: Die rasant steigende Anzahl an Mama-Blogs hat definitiv etwas mit fehlender Vereinbarkeit und alten Rollenbildern zu tun. Doch sie ist eindeutiges und eindrückliches Zeugnis davon, dass Frauen sich selbst aus diesen Zuständen befreien. Und das gut sichtbar. 

 

Es lebe die Vielfalt!

 

Entweder weil es ihr Ausgleich ist, über ihr Mama-Dasein zu berichten. Was sicherlich je nach Lebensumständen, höchst individueller Prioritätensetzung sowie dem Bild, welches die entsprechende Mama in der Öffentlichkeit zeigen möchte mal mehr und mal weniger glamourös aussieht. Viele dieser Mamas genießen sicher auch den Austausch mit anderen Müttern. Möchten ihnen mit ihren Erfahrungen, Gedanken, konkreten Tipps helfen.

 

Nette Begleiterscheinung dieses Trends zum Posten und Bloggen:  Die Frauen entdecken so ihre Talente, fördern diese selbst und beschließen vielleicht gar ein erfolgreiches Mama-Business aufzubauen. Was einer steigenden Anzahl von ihnen dann auch gelingt (nicht umsonst sind die Mompreneurs gerade in aller Munde).

 

Ob Mode, Beauty, Rezepte oder Basteln. Ob gesellschaftskritisch, hochpolitisch, humorvoll oder auf irgendeine Art fachlich versiert: Ist es nicht ein Grund zur Freude, dass jede Mama andere Begabungen und Interessen verfolgt? Vielfalt ist doch eine feine Sache. Mama-Bashing eher nicht. Echte Emanzipation besteht eben nicht darin, dass jede Frau sich für das Lebensmodell entscheiden muss, das gerade allerseiten gefördert wird. Sowie gesellschaftlich derzeit den höchsten Status genießt. Nein. Sie liegt in echter Wahlfreiheit.

 

In diese inbegriffen ist auch das Recht, öffentlich unpolitisch zu sein. Das kann man schlimm finden. Gar anprangern. Oder man folgt einfach den Müttern, die man persönlich als Bereicherung empfindet. Von mir aus auch, weil sie politisch sind (ist ja nun nicht so, dass noch nie über Hebammenmangel, schlimme Zustände in den Kreißsaälen, abartige Arbeitsstätten, die Probleme von Alleinerziehenden, die fatalen Folgen des Ehegattensplittings und, und, und gebloggt wurde).

 

Auf all die, die das aber nicht sind und sein möchten (was ja auch überhaupt nichts über privates Engagement oder Nicht-Engagement aussagt) wütend zu sein, ist mir echt zu anstrengend. Was uns eint ist in erster Linie eines: Wir alle haben eines oder mehrere Kinder. Das heißt jedoch nicht, dass wir damit in anderen Bereichen auf einer Wellenlänge sind. Müssen wir ja auch nicht. Sich gegenseitig zu bestärken statt abzuwerten und zu verurteilen müsste doch trotzdem bereits auf dieser Basis möglich sein. Oder?

Gegen das Mama-Bashing

 

Zu akzeptieren, dass andere Mamas Dinge ganz anders als ich angehen, ohne dies als Angriff auf mein eigenes Lebensmodell zu empfinden, fällt mir bis heute nicht immer leicht.  Doch es lohnt sich, wenn wir uns jeden Tag darin üben. Sonst tragen wir leider alle mit dazu bei, dass die berüchtigten Mommy Wars eben doch mehr als ein medial gehyptes Klischee sind.

 

Nur weil mir etwas nicht gefällt bzw. mich nicht anspricht, muss ich es nicht runterputzen. Stattdessen könnte ich mich einfach über das freuen, was mir eben gut gefällt. Denn glücklicherweise bietet die Landschaft der Mama-Blogs eine riesige Bandbreite an Themen und Nischen. Ich verzichte dann an dieser Stelle mal darauf, meine persönlichen Präferenzen zu nennen (wobei es vom SEO-/Reichweite-Aspekt sicher total geschickt wäre)

 

Was mich ehrlich freut: Die Autorin scheint ja bereits Blogs gefunden zu haben, die ihr gut gefallen. Und nicht zu flauschig sind.

 

Zum Abschluss bleibt mir nur noch die Festellung, dass wohl jede Mama aus Erfahrung weiß, dass entspannte Tage im Café mit Baby oder Kind vor allem eines sind: Flauschiger Wunschtraum. 

 

P.S.: Es gibt auch wertvolle Frauenzeitschriften. Sogar für Mütter. Nur das das Prädikat "Besonders wertvoll" wohl von jeder Frau und Mama an andere Magazine verteilt werden würde. Oder auch an keines. Da ist sie wohl wieder. Diese viel beschworene Vielfalt.

 

Für mehr Toleranz und Mama-Solidarität werbend, grüßt euch

 

eure Jana

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Suzee (Freitag, 08 Juni 2018 13:25)

    Hey,

    mit Anti-Feminismus ist das vlt etwas zu hart umschrieben, aber wo ich der Autorin recht geben muss, die meisten Blogs schürfen wirklich nur sehr an der Oberfläche und sind maximal zum Abschalten geeignet (für Bloggerin und Leser). An sich nichts schlimmes, von daher jedem das seine. Für mich vermitteln viele Blogs eher die Einsamkeit, die mit Kindern entstehen kann. Sich anderen mitteilen wollen, gesehen werden, auch noch mit Kind aus der Menge herausstechen.... Frauen wären heute super gut vernetzt, nutzen das aber oftmals um sich über belanglose (oft hübsche Dinge, mit denen man auch mal seine Zeit verbringen kann) Sachen zu unterhalten. Wiedereinstieg in den Beruf, tatsächliche Gleichberechtigung was zB Karrierechancen anbelangt, organisatorisch-rechtliche Themen,....sowas findet sich tatsächlich weitaus weniger.