Woran ich mich (nicht) erinnern werde - Ein Brief zum zweiten Geburtstag an mein Kleinkind

Herbstlaub auf grünem Rasen als Zeichen der Vergänglichkeit. Von Jahreszeiten und der Zeit.
Vergänglich wie das Herbstlaub: Die Zeit, in der wir unsere Kinder bei ihren Abenteuern stets begleiten dürfen.

 

Lieber Junior,

 

die schönen Bücher über dich und deine Fähigkeiten verstauben noch immer in der Ecke des Bücherregals. Dein Zuhause ist noch immer nicht das aus dem schicken Wohnmagazin. Und deine Mama scheint irgendwie noch immer viel weniger Zeit in ihr Erscheinungsbild zu investieren als die Mama aus dem Werbekatalog, den du so gern zerreißt.  

 

Vielleicht ist dir sogar schon aufgefallen, dass du zu selten gebadet wirst? Und nicht täglich frisches Gemüse auf unseren Tellern landet? Dass die Mama das mit dem Pünktlichsein ziemlich schwer findet? Und manchmal so komische Wörter benutzt, wenn sie sich aufregt?

 

Warum sie die dann irgendwie sofort und leicht panisch gegen andere ersetzt ist dir ein Rätsel. Dabei besteht diese Welt doch auch so schon aus jeder Menge davon. Und mit deinen großen Augen und kleinen Füßen machst du dich jeden Tag auf, um sie alle zu lösen. "Alleine" versteht sich. 

 

Und ich? Ich freue mich über jeden Moment, an dem ich dich bei deinen Abenteuern begleiten darf. Seit deinem ersten Geburtstag verflog die Zeit. Auch durch all das, was du in den vergangenen 365 Tagen gelernt hast. Vom ersten Wort bis zum ersten langersehnten Schritt mit 19 Monaten.

 

Das letzte Mal krabbeln, zum letzten Mal wickeln, der erst gestern verstrichene letzte Tag meiner Elternzeit ... Es sind diese, im Moment selbst oft unbewussten, letzten Male, die es deutlich machen. 

 

Der erste Tag in der Kita, zum ersten Mal vor Wut durchs Bett rollen, erstmals "Mama, geh weg!" hören ... Es sind diese, im Moment selbst genau wahrgenommenen, ersten Male, die es deutlich machen. 

 

Deutlich, wie die Zeit vergeht.

 

Es ist so leicht, sich in all den Pflichten und Alltagssorgen zu verlieren. Und damit auch den Blick für das Wesentliche. Was das ist? Das bist du. Und Papa. Und ich auch. An jedem Tag wächst du. An jedem Tag wachsen wir als Familie. Wie oft schiele ich auf ein bestimmtes Ereignis, bereite etwas vor oder nach? Und verpasse dabei das Jetzt. Wie oft ärgere ich mich über meine wahren aber auch vermeintlichen Makel und Fehler? Wie oft jage ich trotz aller Vorsätze noch der Mama-Perfektion hinterher? 

 

Dabei zeigst du mir jeden Tag wie das geht. Mit der Leichtigkeit und dem Leben im Jetzt. Nicht nur dafür bin ich dir unendlich dankbar.

 

Was ist Neugierde?

 

Du ermöglichst mir längst vergessene Einblicke. Mir dir entdecke all die Wunder und Wunderlichkeiten unserer (Um-)Welt neu.

 

Was ist Beharrlichkeit?

 

Durch dich lerne ich für das, was mir wichtig ist zu kämpfen. So wie du es ja auch machst.

 

Was ist Reflexion?

 

Und verstehe meine Persönlichkeit ganz anders, wenn ich mich in deinem Verhalten erkenne. 

 

An jedem Tag wächst du. An jedem Tag begegnest du Eltern, die nicht perfekt sind. Einer Mama, die dir Herausforderungen zumutet und dir schwere Tage nicht abnehmen kann. An jedem Tag ließe sich ein Grund finden, zu hadern. Denn es wird ihn niemals geben, diesen magischen, makellosen Tag. Den gibt es nur im Werbekatalog. 

 

Eines Tages werde ich alt sein. Zurückblicken auf das, was hinter mir liegt. Werde ich mich dann an das ungeputzte Bad erinnern? Oder an die Tage, an denen ich es nicht geschafft habe frisch zu kochen? Werde ich mich über meinen weichen Bauch mitsamt seiner Speckrolle erinnern? An die, meiner Meinung nach, fünf Kilo zu viel? Werde ich mich auch in 50 Jahren noch darüber ärgern, dass du den Teppich mit Milch "gegossen" hast? Oder mich fürs Fluchen vor dir verfluchen? Nein. An all das werde ich mich nicht erinnern.

 

Was mir im Gedächtnis bleibt sind die vielen Kuschelstunden im Bett. Deine aufgeregten Erzählungen darüber, was dich beschäftigt. Deine Kreativität und pure Lebensfreude. Deine Begeisterung und Willensstärke. Unsere gemeinsamen Momente mit all den Menschen, die mir heute am Herzen liegen und den Weg in deines meist längst gefunden haben. Erinnern werde ich mich an ein glückliches, gern quasselndes (Wie war das mit dem Wiedererkennen seiner selbst im Kind?) und langsam nach Autonomie strebendes Kleinkind. 

 

Glück bemisst sich nicht an der Zahl an Euros auf dem Konto (auch wenn eine hohe Summe wohl manchmal von Vorteil ist), der Exklusivität der Möbel (wobei ja niemand etwas gegen schöne Möbel hat) oder Mamas "Insta"-Tauglichkeit (als Ego-Streichler heutzutage jedoch nicht zu unterschätzen).

 

Glücklich sind die, die geliebt werden und selbst lieben. 

 

Dankbar dafür, dir seit zwei Jahren jede Menge Liebe schenken zu dürfen & von dir zu empfangen, 

 

wünsche ich dir heute von Herzen alles Gute zu deinem zweiten Geburtstag.

 

In Liebe, 

 

deine Mama

 

Grafik zu meinem Geburtstagsbrief auf Patschehand.de für Pinterest bzw. zum Teilen auf facebook
Dir gefällt mein Geburtstags-Brief an mein Kleinkind? Dann pinne, teile oder kommentiere ihn doch ;)

Ähnliche Beiträge auf Patschehand.de


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Bianca (Montag, 05 November 2018 20:47)

    Liebe Jana,
    du sprichst einem aus der Seele. Meine Maus ist gerade 3 geworden und man merkt noch viel mehr, wie das eigene Verhalten und Ausdrucksweisen gespiegelt werden. Dann hört man sich selbst und muss manchmal schmunzeln. Es gibt einem aber auch die Chance sich selbst zu verändern, falls einem das Spiegelbild nicht gefällt.